Schreiben oder Schweigen: Die Nacht des Orakels (Paul Auster)

 

 

In der chinesischen Antike, zur Zeit der Shang Dynastie (18. bis 11. Jahr-hundert v.Chr.), ritzte man Zeichen auf Knochen oder Schildkrötenpanzern. Glimmende Holzstücke wurden dann in vorbereiteten Hohlräumen auf der Rückseite eingesetzt. Dadurch entstanden Risse und Sprünge, die es galt zu interpretieren. Ob die Schriftzeichen nur in diesem Zusammenhang benutzt wurden, weiß man nicht.  Aber das Divinatorische war allgegenwärtig und umfasste alle Situationen des Lebens: Wird es regnen? Wie wird die Ernte ausfallen? Soll der König angreifen?. Die Weissagung gehörte zum Alltag. 

Es ging nicht darum - wie im Buch von Auster - , Ereignisse der Vergangenheit aufzuzeichnen, sondern Dinge in der Zukunft geschehen zu lassen - oder zumindest Dinge der Zukunft zu erahnen. Die Sinologen sprechen von "divinatorischer Rationalität". Gibt es doch einen Zusammenhang zwischen Zeichen setzen und Zukunft voraussehen?

"Nacht des Orakels" ("Oracle Night", 2003 erschienen bei Henry Holt in New York) ist eine spannende Fiktion von Paul Auster über das Schreiben. Da findet sich u. a. die Geschichte eines französischen Schriftstellers, der Anfang der fünfziger Jahre in Paris als große Hoffnung der jungen Generation galt.

Paul Auster erzahlt:"...kurz bevor John 1958 nach Amerika zurückging (er hatte sechs Jahre lang in Paris gelebt), brachte sein Bekannter ein episches Gedicht heraus, das ein ganzes Buch umfasste und vom Ertrinken eines kleinen Kindes handelte. Zwei Monate nach Erscheinen des Buchs reiste der Autor mit seiner Familie in die Normandie, und am letzten Tag des Urlaubs watete seine fünfjährige Tochter ins kabbelige Wasser des Ärmelkanals hinaus und ertrank. Der Schriftsteller sei ein rationaler Mensch gewesen, sagte John, bekannt für seinen klaren, scharfsinnigen Geist, und dennoch habe er das Gedicht für den Tod seiner Tochter verantwortlich gemacht. Von heftigem Schmerz zerrissen, redete er sich ein, seine Worte über einen imaginären Ertrinkungstod hätten einen realen Ertrinkungstod herbeigeführt, eine fiktive Tragödie habe eine reale Tragödie in der realen Welt ausgelöst. Dieser enorm begabte Schriftsteller, dieser Mann, der geboren war, Bücher zu schreiben, schwor sich, nie wieder ein Wort zu Papier zu bringen. Worte konnten töten, hatte er entdeckt. Worte konnten die Realität verändern, und daher war es zu gefährlich, sie einem Mann anzuvertrauen, der Worte mehr liebte als alles andere...

John und ich sprachen ausführlich über diese Geschichte, und ich weiß noch, dass ich hartnäckig dabei blieb, die Entscheidung des Schriftstellers sei ein Fehler, eine absurde Interpretation der Welt. Es gebe keinen Zusammenhang zwischen Phantasie und Realität, sagte ich, keine Verknüpfung von Ursache und Wirkung zwischen den Worten eines Gedichts und den Ereignissen in unserem Leben... Das war eine platte, abgedroschene Behauptung, die nur den Zweck hatte, Pragmatismus und Wissenschaft vor den Finsternis primitiven magischen Denkens in Schutz zu nehmen. Zu meiner Überraschung nahm John den entgegengesetzten Standpunkt ein... "Gedanken sind etwas Reales", sagte er, "Worte sind etwas Reales. Alles Menschliche ist real, und manchmal wissen wir Dinge, bevor sie passieren, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Wir leben in der Gegenwart, aber die Zukunft ist in jedem Augenblick in uns. Vielleicht geht es beim Schreiben nur darum, Sid. Nicht Ereignisse der Vergangenheit aufzuzeichnen, sondern Dinge in der Zukunft geschehen zu lassen."

Der Text ist zwar nur im Kontext des Romans wirklich zu verstehen (wie es sich später zeigen wird, hat John ein komplexes Verhältnis zu Sid, dem Ich-Erzähler). Dennoch wirft er viele interessante Fragen auf.  Als ich diese Geschichte zum ersten mal las, erinnerte sie mich sofort an den divinatorischen Aspekt der alten chinesischen Schriftzeichen.

Das Bild "Le charnier", Gegenstück zu "Guernica", wurde 1945 von Picasso gemalt, bevor die Bilder der Konzentrationslager bekannt gewesen sind. Pierre Daix erzählt in diesem Zusammenhang: "Il avait imaginé sa peinture ou, plutôt, il l´avait "laissée venir". Ca ne l´étonnait pas qu´elle eût ainsi anticipé la réalité. N´avait-il pas peint tout au début de la guerre, en 1937, quand la plupart des gens croyaient que ces horreurs ne viendraient jamais chez eux? Il me montra d´autres toiles, la Nature morte à la casserole émaillée: "Tu vois, une casserole aussi ça peut crier! Tout peut crier!"

Maler malen keine Bilder, Dichter und Schriftsteller schreiben keine Texte mehr im Hinblick auf Wahrsagung. Dennoch haben sie das ungeheure Privileg, sowohl die Zeichen zu erschaffen als auch mit den brennenden Holzstücken des Talents zu hantieren. Mit ihren Werken lassen sie Risse und Sprünge in der Seele verwandter Menschen entstehen. Wir können uns vorstellen, dass das Gedicht des französischen Dichters im Roman von Paul Auster  Emotionen, Trauer und Angst bei den Lesern hervorgerufen hat. Vielleicht auch Begeisterung über die formale Schönheit des Werkes.  Als  der Dichter die persönliche Erfahrung des Ertrinkungstodes seiner kleinen Tochter macht,  muss ihm sein Werk als Vorbereitung für eine grausame Weissagung erscheinen. "Alles Menschliche ist real": Die Ereignisse des Lebens, die Emotionen, die damit verbunden sind, und die Zeichen, die sie festhalten - diese drei Ebenen sind real. Sie sind eng miteinander verwoben. Ereignis, Emotion und Zeichen stehen in einer Beziehung von Ursache und Wirkung miteinander. Umgekehrt können Zeichen Emotionen und Emotionen Ereignisse hervorrufen. Worte können die Realität verändern. Vielleicht geht es beim Schreiben tatsächlich darum, Dinge in der Zukunft geschehen zu lassen. Der Schriftsteller hat dennoch keine Macht über diese Ereignisse. Er ritzt die Schildkrötenpanzer ein, bereitet die Hohlräume vor, lässt die Holzstücke glimmen. Er weiß aber nicht welche Dinge geschehen, noch nicht mal, ob Dinge überhaupt passieren werden. Der Privileg und die Ohnmacht des Künstlers erscheinen in ihren ganzen Ausmaß. Wer würde nicht davor schrecken und, wie der Dichter im Roman, aufhören wollen, zu schreiben? 

Silencio

 
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