Kiesel und Steine (Collioure)

 

Es ist zur Tradition geworden. Um Weihnachten herum gehen wir in Collioure spazieren. Wir halten auf dem Parkplatz des Schlosses, gehen zum Meeresufer runter, laufen die Festungsmauer entlang und, nachdem wir am kleinen Hafen vorbeigegangen sind,  kommen wir langsam zum Platz vor der Kirche Notre-Dame des Anges. Touristen sind selten geworden. Oft ist das Wetter angenehm, die Wintersonne ist da. Warm angezogen können wir bis zur Kapelle Saint-Vincent flanieren, auf die Felsen klettern und bis zur Spitze des Hafendammes weitergehen. Auf dem Rückweg gehen wir ganz nah am Wasser beim Strand Saint-Vincent. Es ist ein kleiner Strand voll Kies und Kieselsteinen. Die vom Meer polierten farbigen Steinchen glänzen an unseren Füssen. Einer von uns bückt sich und fängt an, ein paar zu sammeln, bald macht jeder dasselbe. Das kann eine Viertelstunde, eine halbe Stunde dauern. Am Ende hat jeder seine kleine Sammlung, die eine nach Farben, die andere nach Formen sortiert. ". Stolz zeigt jeder seine Entdeckungen, als ob er einen Schatz gefunden hätte. "Schau an, dieser Kiesel ist fast durchsichtig" sagt der eine, "Schau dieses Steinchen, es ist rund wie eine Perle" sagt der andere. Plötzlich befinden wir uns alle in einer Welt voll Harmonie, begleitet vom Plätschern der Wellen. 

Was ist passiert? Ein seltsames Treffen zwischen einem Mensch und einem kleinen Stein.  Warum dieser Kiesel und nicht ein anderer? Es sind Millionen vorhanden und ausgerechnet diesen einen wird gesammelt. Es gab ein winziger emotionaler Zusammenstoß. Sicherlich ein sehr zarter Zusammenstoß: ein Blick, eine Form, eine Farbe, die anspricht, eine Geste nach ihm (man bückt sich), ein physischer Kontakt (man nimmt sie sanft, man bewundert ihn im Hohlraum der Hand), ein Gefühl (er ist wunderschön, er glänzt in der Sonne), eine Aneignung (man gibt ihn nicht mehr her, man wird ihn behalten). Der kleine Stein, der nur einer von Millionen war, ist plötzlich einzigartig geworden. Er hat sein Status von Objekt zu Zeichen geändert. Es wurde nichts erschaffen, aber die einzige Tatsache, dass man ihn ausgesucht hat (er gehört mir, er ist ich, vielleicht auch: er ist für dich) gibt ihn die Bedeutung eines Zeichens.


Wie kann man die Sammlungsleidenschaft verstehen, die jetzt folgt? Ist jeder neuer Stein schöner, interessanter als der vorherige? Diese neue Menge bildet schon ein neues Zeichen. Aber was bedeutet es? Sind es ihre Zusammensetzung, ihre Struktur,  die ihr ihre Bedeutung geben? Und dann kommt das Verlangen, zu sagen. Wenn wir die Emotion entziffern könnten, die in diesem Stein verborgen ist, kein Bedarf für Worte. Aber das ist unmöglich. Also brauchen wir Worte: "Schau wie schön er ist, Schau wie er glänzt, usw..." Viel zu einfache Worte, Beginn einer Kommunikation, die nicht stattfinden wird (Schau was ich schön finde, weil..., Schau, das bin ich..."). Die jüngeren unter uns glauben schon daran. "Schau, das bin ich doch, der an dich denkt...". Als ich dieser Kieselstein ausgesucht habe, hatte ich nicht die Absicht, mein Inneres zu zeigen. Es hat mir einfach nur Freude gemacht, mit mir im Einklang zu sein. Eine Viertelstunde, eine halbe Stunde genügen, das Glück kostet nichts, ich lege den Stein zurück an seinem Platz in der Natur.

Es gibt also Zeichen, die keine Spuren hinterlassen. Mindestens keine sichtbare Spuren. Allein unser Gedächtnis, unsere Sinne wissen, dass sie existiert haben. Nehmen wir jetzt an, dass diese Szene aus irgendeinem Satellit gefilmt wurde und dass man sie in einer fernen Zukunft wiederfindet. Einerseits sieht man Menschen, die am Strand spazieren gehen. Andererseits Millionen von Kieselsteinen, vom Meer unermüdlich bewegt. Plötzlich halten die Menschen, suchen sich Steine aus, behalten sie in ihren Händen und, eine halbe Stunde später, werfen sie zurück ins Wasser. Welche Interpretation wird man diesem Phänomen geben? Fischerei-Szene (aber warum sie ins Meer zurückwerfen?) Symbolische Fischerei-Szene, Wahrsagehandlung? Primitiver Ritus zur Anbetung der Natur? Ich kann nicht umhin an Xunzi zu denken: "Wenn es regnet, nachdem man den Regentanz vollzogen hat, was bedeutet es? Nichts. Es ist genauso, als ob es regnen würde, ohne dass der Tanz getanzt wurde. Den Ritus vollbringen, um Sonne und Mond vor den Finsternissen zu "retten", den Regentanz in Dürrezeiten ausführen, die Wahrsagekunst praktizieren, bevor man wichtige Entscheidungen trifft, all das zielt nicht darauf, zu bekommen, was man wünscht, sondern Kultur zu erhalten". Kultur ist auch eine Menge unsichtbarer Spuren.

Kiesel und Steine (Arp)

 

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