Frege und die Surrealisten

 

Erst im Frühling 1975 entdeckte ich die Schriften von Gottlob Frege. Die mathematische Logik, also die formale Repräsentation von Aussagen und Schlussfolgerungen, wird die Basis meiner Promotionsarbeit werden. Damals waren die formalen Aspekte der Logik wichtig.  Zusammen genommen mit dem Unifikationsalgorithmus  und seiner Implementierung auf Rechnern  schien eine Modellierung der  "problem solving" Intelligenz  möglich. Die mathematische Logik schien auch das Werkzeug zu sein, mit welchem grosse Fortschritte auf den Gebieten des maschinellen Verstehens  und der automatischen Übersetzung zu erreichen seien. Frege war auch ein Philosoph der Sprache. Seine mathematischen Überlegungen gehen immer von einer Auseinandersetzung mit der Sprache aus. Genauer gesagt mit einer atomarer Analyse der Sprache. Ganze Texte werden nicht untersucht, sondern einzelne Zeichen oder einzelne Sätze werden als Beispiel genommen.

Die Einleitung des Aufsatzes "Die Grundlagen der Arithmetik - eine logisch mathematische Untersuchung über den Begriff der Zahl" (1884) fängt wie folgt an: "Auf die Frage, was die Zahl Eins sei, oder was das Zeichen 1 bedeute, wird man meistens die Antwort erhalten: nun, ein Ding. Und wenn man dann darauf aufmerksam macht, dass der Satz

                   "Die Zahl Eins ist ein Ding"

keine Definition ist, weil auf der einen Seite der bestimmte Artikel, auf der anderen der unbestimmte steht, dass er nur besagt, die Zahl Eins gehöre zu den Dingen, aber nicht, welches Ding sie sei, so wird man vielleicht aufgefordert, sich irgendein Ding zu wählen, das man Eins nennen wolle. Wenn aber jeder das Recht hätte, unter diesem Namen zu verstehen, was er will, so würde derselbe Satz von der Eins für Verschiedene Verschiedenes bedeuten; es gäbe keinen gemeinsamen Inhalt solcher Sätze."

Frege geht es also um die Frage: Unter welchen Voraussetzungen kann man zweifelsfrei behaupten, dass wir unter ein Zeichen oder eine Aussage das gleiche verstehen? Ich verallgemeinere: Wie können wir sicher sein, dass wir uns verstehen? Vierzig Jahre später haben sich  die Surrealisten das Recht genommen, den trügerische Konsens über die Gemeinsamkeit der Sprache zu sprengen. "Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität." schrieb André Breton. Die Gedanken von Gottlob Frege sind nicht weniger visionär. Die Rationalität, die er anstrebt, ist auch eine absolute Realität. Für beide geht es darum, eine total neue Wahrnehmung der Realität zu erreichen. Und beide wissen: Dafür müssen Fundamente neu gelegt werden.

Die Surrealisten wollten eine Befreiung der Wörter. Nicht weniger utopisch, will Frege eine Befreiung der Unschärfe von Begriffen und Gedanken. Seine Antwort ist radikal. In der Begriffsschrift erfindet er eine Metasprache, also eine Sprache über die Sprache, die ihre eigene Syntax  hat und nur allgemein gültige Regeln kennt: Die Regeln der Logik. Konsequenter kann man sich nicht von den Wörtern befreien. Und, wie die Surrealisten, überlässt er den Lesern/ Betrachtern die Interpretation der neu geschaffenen Realität.

Sinn, Bedeutung, Erkenntniswert, Wahrheitswert: Mit diesen vier Konzepten können wir die Realität neu wahrnehmen. Das Bild von Magritte "La trahison des images. Ceci n´est pas une pipe. (1928/1929)" vermischt sie mit Absicht. Die Aussage "ceci ≠ pipe"  ist zweifellos wahr. Ersetzen wir "ceci" durch     , so entsteht die Aussage:  "≠  pipe", die vom Sinn her wahr ist (die Zeichen und pipe sind nicht gleich), deren Bedeutung, also deren Wahrheitswert, allerdings falsch ist, nimmt man an, dass das Wort "pipe" und die Abbildung einer Pfeife denselben Erkenntniswert haben. Es könnte aber auch sein, dass die Erkenntniswerte doch nicht dieselben sind. Das französische Wort "pipe" hat ja bekanntlich noch weitere Bedeutungen.

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