Das Praktikum (Xiahan)

 

Januar 2006. Xiahan kommt zu uns, um ein einwöchiges Praktikum zu machen. Das erste Mal, wo ich sie gesehen habe, war sie 6 Jahre alt. Es war, wenn ich mich richtig erinnere, am Flughafen Peking, als wir ihre Mutter verabschiedeten, die zurück nach Deutschland flog. Einige Jahre später, als sie am Wochenende nach Mainz kam, uns zu besuchen, war sie ein unerschrockenes, schelmisches, manchmal aufsässiges Mädchen. Konflikte waren nicht selten. Aus dieser Zeit habe ich das Bild einer tapferen Xiahan, immer bereit, den Erwachsenen die Stirn zu bieten, sehr von ihrem guten Recht und von ihrer Sicht der Dinge überzeugt, direkt, kämpferisch. Das erinnerte mich daran, wie ich in der Grundschule die Lehrer gern herausforderte.

Mon oncle

(film de Jacques Tati - 1958)

Heute ist sie 16. Ich fürchte mich ein wenig, die gleiche Situation zu erleben wie Herr Hulot in "Mein Onkel". Vielleicht können Sie sich an diese Szene erinnern, wo seine kleine Nachbarin ein junges Mädchen geworden ist und er plötzlich merkt, dass er nicht mehr ihre Backe tätscheln kann, wie er bis jetzt immer gemacht hatte? Das war ja in den 50er Jahren - aber dennoch: Wie verhält man sich mit einem sechszehnjährigen Mädchen? 

Sechs Monate vorher hatte ich mich schon einmal selbst zensiert. Das war im Museum, bei der Alten Pinakothek in München. Nachdem wir Altdorfer betrachtet hatten, kamen wir zum Bild von Tintoretto "Vulkan überrascht  Venus und Mars". Ich erklärte Xiahan die Protagonisten: Mars, unter dem Tisch versteckt, mit seinem Helm auf dem Kopf, Amor, eingeschlafen in der Wiege, Vulkan , der sich auf Venus stürzt, seine Frau, in flagranti des Ehebruchs ertappt.

Aber ich hütete mich davor, über die Interpretation des Bildes zu sprechen. Man vermutet, dass es um 1550 gemalt wurde. Aber man weiss nichts über seinen Ursprung und die Umstände der Beauftragung. Die Kunsthistoriker können ihrer Imagination freien Lauf lassen. Soll man eine Verurteilung des Ehebruchs erkennen, oder im Gegenteil eine Apologie des Heirats? Oder soll man die Meinung von Daniel Arasse teilen, der eine "politisch inkorrekte" erotische Interpretation vorschlägt: " Vulkan wird ins Bett klettern - und den Rest kann man sich gut vorstellen" ("On n´y voit rien", Éditions Denoël, 2000).

Zu Weihnachten war Xiahan nach Banyuls gekommen. Beim Abschied am Flughafen Gerona haben wir uns für das Praktikum verabschiedet, drei Wochen später. Sie kommt Sonntag Abend an, ermüdet von der Reise  und vom Lesen von "Kaballe und Liebe". Die Woche wird dem Studium gewidmet bleiben. Wir sprechen über ihre schulischen Prioritäten der nächsten Wochen: Chemietest, Französischprüfung, Vortrag über "Prometheus" und natürlich Praktikumsbericht. Die meiste Zeit wird damit verbracht. Aber, zwischendurch,  diskutieren wir auch über alles und jedes: kreativ sein, verliebt sein, das Gymnasium, die Lehrer, die Freunde, das Selbstvertrauen, deprimiert sein, traurig sein, der Großvater, die Popmusik, ihr Blog, später Geld verdienen, ich vergesse bestimmt einiges. Ich versuche, den Aufprall der Emotionen zu erklären - aber es ist zu kompliziert. Macht nichts. Xiahan, die eifrige Gymnasiastin, wird mit getanen Aufgaben nach Hause zurückkehren.

Banyuls (Weihnachten 2005)

 

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